Und was ist nach der Schule?
Welche Lebens- und Berufsperspektiven haben Jugendliche, die als "schwermehrfachbehindert" diagnostiziert sind?
(veröffentlicht in Lernende Schule Heft 23, 2003)

 

Unsere Tochter Melanie, nach einer Enzephalitis als "schwerstmehrfachbehindert" diagnostiziert, besucht im Rahmen des Schulversuchs „Gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Beeinträchtigungen" im Zehnten Schulbesuchsjahr in Ludwigshafen die Integrierte BerufsOrientierte Klasse (IBOK)
Ihre Persönlichkeit und ihre Fähigkeiten und nicht ihre schwere Beeinträchtigung (Verlust der Sprache, Hemiplegie links, Epilepsie) stehen für uns im Vordergrund.
Um die Wünsche und Fähigkeiten von Melanie herauszufinden haben wir, die Eltern, Geschwister, LehrerInnen, Integrationshelferinnen und Freunde zusammen mit der Pädagogin Ines Boban im Frühjahr 1999 eine Zukunftskonferenz abgehalten.
Ein Unterstützerkreis wurde installiert, um die Zukunft für Melanie weiter zu gestalten. Kontakt zur Universität Landau, zu Schulen, Stadt und Jugendeinrichtungen wurde aufgenommen um 2001 das erste Betriebspraktikum und den Wunsch nach Freizeitgestaltung umzusetzen.

Als Ziel des Praktikums für Melanie formulierte der Unterstützerkreis körperliche, ganzheitliche Erfahrung. Im Frühjahr 2001 machte Melanie ein 14-tägiges Praktikum im Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim in Begleitung einiger Studenten der Universität Landau. In ihrem Zeugnis steht: „Auf Grund ihrer Behinderungen hat sie dabei die Aufmerksamkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dafür geschärft, die „Erlebniswelt Museum" wirklich allen Besuchern zu ermöglichen. Allein durch ihre Präsenz hat sie alle Beteiligten zu einer aktiven Integration „ermuntert", die sie mit steigender Aufmerksamkeit und zunehmendem aktiven Handeln beantwortete".

Ihr zweites Praktikum fand im Herbst 2001 im Jugendgästehaus in Ludwigshafen-Oggersheim statt, wo Jugendliche arbeiten und einen Förderlehrgang besuchen. Gerade in dieser Woche feierte Melanie ihren 16. Geburtstag. Es wurde eine Unterrichtseinheit eingeschoben - wie gestalte ich einen Geburtstagstisch. Mit Kuchen und vielen Geschenken wurde Melanie empfangen. Der begleitende Sozialarbeiter spricht von positiven und motivierenden Erfahrungen in der Gruppe.

Zur Freizeitgestaltung suchten wir in der Schule (Hauptschule im sozialen Brennpunkt) über einen Aushang Jugendliche, die bereit sind, als "Freizeitassistenten" Melanie in ihrer Freizeit zu begleiten und gegen ein kleines Taschengeld zu unterstützen. Es meldeten sich 9 Personen aus unterschiedlichen Klassenstufen. Melanie machte einige Male zusammen mit ihren Assistenten einen Stadtbummel. Die jungen Begleiter müssten auch negative Bemerkungen der Passanten verkraften. Nach einem Krankenhausaufenthalt von Melanie war erstmals Pause mit der Freizeitbetreuung. Im Unterstützerkreis wurde überlegt ob Gymnasiasten eher geeignet sind für so eine Aufgabe. Ein Brief wurde an alle Gymnasien geschrieben. Leider kam keine Antwort zurück.

Im Sommer 2001 nahm Melanie zum ersten Mal alleine an einer 14-tägigen integrativen Freizeit teil.
In November 2002 machen wir unsere zweite Zukunftskonferenz. Es war Zeit, Neues zu entwickeln. Es wurden wieder viele Ideen eingebracht.
Um den Prozess der Umsetzung zu überwachen, bekommt Melanie gleich drei Agentinnen! Darunter ihre Schwester Jeannette, die für Melanies Freizeitangebot mitverantwortlich ist.
Nach vier Vormittagen mit Melanie und mir als Co-Referentin in der Integrierten Gesamtschule Gartenstadt zum Thema „Helene Keller und Melanies Geschichte" haben sich wieder spontan "Freizeitassistenten" gemeldet.
Unser Wunsch, dass die Einführung von diesen Jugendlichen zusammen mit Melanies Freizeitagentin ein Projekt für Studenten der Fachhochschule für Sozialarbeit am Ort wird, ist immer noch nicht erfüllt.

Der Grundstein für ein wöchentliches Tagespraktikum im Städtischen Kindergarten wird im Unterstützerkreis gelegt. „Anderssein als Impuls" – Schülerinnen und Schüler als „Dienstleister" in Kindertagesstätten, so wurde dieses Praktikum in einem Arbeitspapier tituliert. Grundlage der Arbeit ist ein „Wahrnehmungsparcours", der als Fördermaßnahme für Melanie in der 9. Klasse entwickelt wurde. Melanie mit einer Mitschülerin und ihre Integrationshelferin erarbeiten den Parcours in einem Blockpraktikum, so dass er transportabel ist, und machen jetzt bereits im dritten Kindergarten ihre Erfahrungen damit.

Das zweite Blockpraktikum von 14 Tagen im Frühjahr 2003 findet statt im Städtischen Altersheim, welches in der Nachbarschaft der Schule liegt. Zusammen mit ihrem Integrationshelfer besucht Melanie die alten Menschen. Eine bettlägerige Frau, die immer singt, freut sich auf den Besuch, ebenso ein alter Mann, der sich gerne in sein Zimmer zurückzieht. Mit ihm wird gemalt und gespielt, so dass er ermuntert ist, mehr in der Pausenhalle zu sein. Beim Tanzen im Sitzen kann Melanie herumgehen, während die anderen Personen im Rollstuhl sitzen. Raumschmuck für Fasnacht wird gebastelt und aufgehängt. Melanie hat keinerlei Berührungsangst geht auf die Menschen zu und schafft es, viele Herzen zu öffnen. Die anfängliche Angst, Melanie als behinderte Frau könnte belächelt und abgelehnt werden, tritt nicht ein. Sie ist gern gesehen und bekommt viel Lob.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Melanie durch die Zukunftskonferenzen, den Unterstützerkreis und mit den Erfahrungen der verschiedenen Praktika ein eigenes Profil bekommen hat. Überall dort wo sie ist wirkt sie durch ihre Persönlichkeit. Der Heimleiter des Altersheims hat es bei der Auswertung des Praktikums auf den Punkt gebracht: „Melanie wirkt als „Medium" hat den Alttag vieler Bewohner des Hauses belebt. Durch Melanie wurden auch bisher unbekannte Seiten der Bewohner sichtbar."

Es heißt nicht mehr „was kann Melanie in Zukunft machen?" sondern „wo kann Melanie mit ihrer Persönlichkeit positiv wirken!"

Es ist nicht leicht, etwas Neues aufzubauen. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!

Bernadette Bros-Spähn

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Bernadette Bros-Spähn

2003